Stolpersteine vor der Maria-Ward-Schule Landau

Stolpersteine

Auf der Spur
Die Rheinpfalz, 7.3.2017

Vier Stolpersteine verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig am Donnerstag vor der Maria-Ward-Schule in Landau. Mit ihnen gedenkt die Schule vier jüdischer Mädchen, die einst selbst hier zur Schule gingen – bis zur Flucht in andere Länder vor den Nazis.

Das Internet war’s, das Lena Guth und Beronique Lapre auf die Spur von Doris Katz‘ Nachkommen brachte. Die beiden Schülerinnen der Maria-Ward-Schule in Landau hatten am ersten Tag ihrer Recherche Erfolg: Sie machten deren Tochter ausfindig. Doris Katz, geborene Kern, war in den 1930er-Jahren eine jüdische Schülerin der Vorschule der heutigen Maria-Ward-Schule. Viel mehr wussten die Zwölftklässlerinnen Anfang Februar nicht. „Wir hatten nur den Namen von Doris Katz, ihrem Mann Egon und ihr Geburtsdatum“, sagt Lena Guth. Auch das Landauer Stadtarchiv konnte nicht viel mehr Infos liefern.

Lena und Beronique googelten die Namen und entdeckten einen Eintrag über Egon Katz auf einem Online-Portal für Ahnenforschung. Dort meldeten sie sich an und stießen dann auf die Namen seiner Kinder. Die Mädchen fanden Katz‘ Tochter bei Facebook und schrieben sie an. „Wir haben ihr erklärt, was wir machen und gar nicht mal viele Fragen gestellt. Sie hat direkt geantwortet, dass Doris Katz ihre Mutter gewesen sei.“ Einige E-Mails gingen von Deutschland nach Brasilien und zurück. Die Tochter schickte mehrere Fotos ihrer Mutter, die 2005 im brasilianischen Säo Paulo starb. Fotos einer Heranwachsenden, einer Braut, einer reiferen Frau.

Und sie erzählte in einer ihrer Nachrichten darüber, dass ihre Mutter 1936 im Alter von acht Jahren mit ihrer Familie erst nach Chile und dann nach Brasilien flüchtete. Der Vater von Doris habe in Deutschland bleiben wollen. Die Mutter, die von Inhaftierungen jüdischer Bürger gehört hatte, konnte ihn umstimmen. Sehr wahrscheinlich rettete der starke Wille der Mutter das Leben der ganzen Familie.

„Lena und Beronique haben Licht in die dunkelste Spur gebracht, die wir von den ehemaligen Schülerinnen hatten“, sagt Lehrerin Jutta Brummer; die das Stolperstein-Projekt an der Maria-Ward-Schule begleitet. Vier Klassen, drei neunte und eine zwölfte, haben sich jeweils des Schicksals einer jüdischen Schülerin angenommen. Was sie über die Mädchen herausgefunden haben, werden sie am Donnerstag zur Gedenkfeier und Stolperstein-Verlegung in einer Werkstatt-Ausstellung im Foyer der Schule präsentieren.

https://mws-landau.de/berichte/stolpersteine/105.jpgAußerdem wird eine Gruppe von Schülern szenisch darstellen, wie den verfolgten Jüdinnen symbolhaft ihr Gesicht zurückgegeben wird. Ihr Gesicht, das ihnen die Nazis genommen haben. Die Schüler haben die Tochter von Doris Katz zu der Feier eingeladen. Zeit zu kommen habe sie aber leider keine. Wenn es die Technik hergibt, so Brummer, könne sie sich eventuell über einen Facebook-Livestream aus Brasilien zuschalten.

Vier Stolpersteine verlegt der Künstler Gunter Demnig am Donnerstagmorgen vor der Schule. Darauf stehen die Namen der vier ehemaligen Schülerinnen – neben Doris Kern sind das Dorothea Drexler, Elisabeth Jeremias und Margot Schwarz.

Evie Rothe, die Tochter von Margot Schwarz, wird gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Freundin aus Zürich dabei sein. Nach der Gedenkfeier wird sie in der Aula der Schule von der Geschichte ihrer Mutter berichten.

In Landau sind bereits 180 Stolpersteine vor 55 Häusern verlegt. 547 sollen es einmal sein. Demnig will mit den Stolpersteinen von den Nazis verfolgte Juden, Behinderte, Homosexuelle, Sinti und Roma ins Bewusstsein rücken.

Vom Himmel herab
Die Rheinpfalz, 10.3.2017

Messingfarben schimmern sie auf Gehwegen, die Stolpersteine. 205 sind es seit gestern. 6000 sollen es mal werden. Zum zehnten Mal kam der Kölner Künstler Gunter Demnig nach Landau, um die kleinen Mahnmale zu verlegen. Erstmals auch vor einer Landaber Schule.

Evie Rote findet keine Worte mehr, als sie im Foyer der Maria-Ward-Schule in Landau eine Plakatwand mit dem Foto ihrer Mutter Margot Schwarz, der Skizze von deren Flucht und ihren Stammbaum entdeckt. Die Augen der in Israel lebenden Amerikanerin schwimmen in Tränen. „Die Schule weiß ja fast mehr über meine Mutter als ich“, bringt sie dann auf Englisch hervor. „Ich fühle mich ihr hier so nah.“ Ein größeres Kompliment kann sie den Schülerinnen und Lehrern für deren Mühe kaum machen.

Noch vor der Schule bricht der 68jährigen Tochter der einst letzten jüdischen Schülerin der Maria-Ward-Schule (MWS) die Stimme weg, als sie vor etwa 40 Zuschauern und mindestens noch mal so vielen Schülerinnen und Lehrern davon erzählt, was für ein Glück ihre Mutter damals hatte, als Jüdin von den Nonnen der Schule vor den Nazis beschützt worden zu sein. „Meine Mutter lächelt gerade vom Himmel herab, weil sie weiß, dass ich heute bei euch bin“, sagt Rote, die zum zweiten Mal in Landau ist und am Abend zuvor zusammen mit ihrem israelischen Mann ihr Elternhaus besuchte.

Die Schule hat eine bewegende Feier auf die Beine gestellt, um vier ehemaliger jüdischer Schülerinnen bei der Verlegung von vier Stolpersteinen zu gedenken. Während der Kölner Künstler Gunter Demnig, flankiert von vielen Landauern mit bunten Regenschirmen, die Steine vor dem Schuleingang in der Cornichonstraße verlegt, zeigen die Schülerinnen eine Theaterszene.

Sie berichten dabei über die Schicksale der vier Mädchen, die während des Nationalsozialismus die Schule wegen ihrer Religion verlassen mussten und was sie aus deren Geschichte gelernt haben. Sie betonen, dass sie sich entschlossen gegen Rassismus stellen und Respekt, Toleranz und Zivilcourage gegenüber anderen zeigen wollen. „Wir können ihnen ihre verlorene Heimat nicht zurückgeben“, sagt MWS-Schulleiter Klaus Neubecken, „aber mit ihrem Namen und ihrer Geschichte dafür sorgen, dass sie ihr Gesicht zurückbekommen.“

Über 60.000 Stolpersteine hat Demnig seit 1992 verlegt. In Landau kamen gestern 24 neue hinzu. Nicht nur vor dem Eingang der Mädchenschule. Auch Ostring und Westring sind um 20 „Mahnmale von unten“ reicher. Vor der Hausnummer 27 im Ostring wurde Daniel Marx mit seiner Familie Zeuge, wie die Stolpersteine vor dem Elternhaus seines Vaters Hans Marx und dessen Familie eingelassen wurden.

Landaus Bürgermeister Maximilian Ingenthron (SPD) kündigte an: „Wir ruhen nicht eher, bis jedes einzelne Schicksal der verfolgten Landauer Juden als Stolperstein im Boden liegt.“ Man müsse nur den Kopf senken, um zu sehen, wohin Rassismus führe.

Texte: Die Rheinpfalz
Bilder: Matthias Staudt
Gestaltung: Sabrina Heinze